Pforzheim – Gernika

Das Gemälde Pünktlich zu der morgigen Kundgebung in Pforzheim (03.02. – 12 Uhr – an der Gernika Brücke) veröffentlichen wir hier einen Text, der sich mit der Städtepartnerschaft von Gernika und Pforzheim auseinandersetzt.

Eine Städtepartnerschaft und die Revision deutscher Geschichte.

Das Motiv der diesjährigen Kampagne „…nicht lange Fackeln!“ gegen das Nazigedenken am 23. Februar zeigt das Gemälde „Guernica“ von Pablo Picasso.
Es entstand 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der baskischen Stadt Gernika durch den Luftangriff der deutschen Legion Condor die während des spanischen Bürgerkriegs auf Seiten Francos kämpften.

Wie es zu der Bombardierung Gernikas kam.
Im Oktober 1936 geriet die Offensive der Nationalisten und Faschisten in Spanien ins Stocken, da die Republikaner mit Hilfe der Internationalen Brigaden Erfolge erzielen konnte.
Darauf suchten die spanischen Faschisten Hilfe bei Hitler mit dem Ziel unter anderem Luftunterstützung zu erhalten. Diese Unterstützung sah man auf deutscher Seite auch als gutes Mittel um neue Waffensysteme auszuprobieren und die Fliegerverbände, die nach dem ersten Weltkrieg erstmals wieder aufgestellt wurden, auszubilden. Da Fliegerverbände zuerst noch gar nicht zugelassen waren, brachte man sie unter strengster Geheimhaltung nach Spanien, wo sie ohne deutsche Uniformen, spanische Städte systematisch in Schutt und Asche bombten. Darunter auch Gernika, Stadt des baskischen Freiheits- und Unabhängigkeitswillens. Eigentliche Ziele in der Stadt wären eine strategisch wichtige Brücke sowie eine kleine Waffenfabrik gewesen. Beide Ziele wurden nicht getroffen. Stattdessen wurde die komplette Stadt zerbombt, 80% der Häuser wurden zerstört. Und damit nicht genug, denn direkt nach der Bombardierung wurde mit Maschinengewehren aus den Jagdfliegern auf die flüchtende Bevölkerung geschossen.
Damit überschritt die deutsche Wehrmacht eine Linie in der Kriegsführung die in der jüngeren Geschichte bis dahin nicht in dieser Form überquert wurde. Eine strategische Terrorisierung der Zivilbevölkerung.
Die Kriegsverbrechen die damals in Gernika und im gesamten spanischen Bürgerkrieg von deutscher Seite begangen wurden, wurden jahrelang verschwiegen und geleugnet. Erst im Jahr 2016 wurde ein NS-Kriegerdenkmal zu Ehren der Legion Condor auf dem Friedhof in Madrid abgerissen.

Doch was hat Pforzheim mit Gernika zu tun?
Seit 1988 besteht eine Partnerschaft zwischen den beiden Städten. Doch Pforzheim war keineswegs die erste Wahl. Seit 1984 wurde eine Partnerschaft mit dem niedersächsischen Wunstorf diskutiert. Dort ist der 1934-1936 von den Nationalsozialisten aufgebaute Fliegerhorst der Bundeswehr einer der größten Arbeitergeber vor Ort. In den 30ern wurden auf ihm die Flieger für den Einsatz im spanischen Bürgerkrieg ausgebildet. 1984 wies der Arbeitskreis Regionalgeschichte die Beteiligung Wunstorfer Flieger an der Zerstörung Gernika nach, woraufhin die Städtepartnerschaft diskutiert wurde. Die Chance auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte. Doch von Bundeswehrseite lag das alles andere als im eigenen Interesse. Hier feierte man sich ein Jahr später lieber selbst mit 50-jährigem Bestehen, was 10 Jahre NS-Zeit mit einschließt, pflegt unter dem Deckmantel militärischer Traditionen Beziehungen zu damaligen Tätern und leugnet die Beteiligung Deutschlands im spanischen Bürgerkrieg noch immer. Doch nicht nur die Bundeswehr hat ein Interesse an der Nicht-Aufarbeitung deutscher Geschichte. Nachdem die ganze Thematik auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde, kam auch dem bei solchen Angelegenheiten beteiligten Auswärtigen Amt die Bewerbung Pforzheims als Partnerstadt gerade recht.
Doch auch hier ging die Revision deutscher Geschichte weiter. Anfängliche Bedenken von Seiten der CDU, es würde die Beteiligung der Legion Condor an der Zerstörung Gernikas bei dieser Gelegenheit thematisiert werden, wehrte der damalige Bürgermeister mit der Begründung ab, es gehe dabei nicht in erster Linie um die Aufarbeitung historischer Zusammenhänge sondern es stehe der Gedanke im Mittelpunkt, das „Deutsche an beiden Orten Opfer und Täter zu gleich“ gewesen seinen.

Bitte was?
Diese dreiste historische Lüge zeigt einmal mehr wie sehr der deutsche Staat noch heute daran interessiert ist deutsche Taten bewusst zu verschleiern. In Gernika waren die deutschen Täter jedoch keineswegs Opfer. Pforzheim wurde 1945 von britischen Alliierten im zweiten Weltkrieg, bombardiert.
Bei den Bombardierungen deutscher Städte durch die Westalliierten wurde sich vielfach und systematisch auf die bevölkerungsreichen Wohngebiete konzentriert, statt auf nahegelegene kriegswichtige Ziele wie Rüstungsbetriebe oder Infrastruktur.
Die Hintergründe dieser Kriegsführung lassen sich nur erklären wenn man die Interesse der beteiligten Staaten in Betracht zieht. Und das Interesse der bürgerlich herrschenden Klasse in Großbritannien lag wohl nicht darin, die Sowjetunion mit einer effektiveren Kriegsführung, welche statt zivile, militärisch relevante Ziele angegriffen hätte, zu entlasten.
Wir wollen diese grausame Kriegstaktik nicht durch die Bombardierung Gernikas durch die Legion Condor rechtfertigen. Aber die Geschichte zeigt uns auf, das es das faschistische Deutschland war das mit dieser Kriegstaktik begonnen hat, sie vielfach auch selbst im von ihm losgetretetenen zweiten Weltkrieg – einem unvergleichlichen Vernichtungsfeldzug – eingesetzt hat und das es bis heute von keiner Seite des deutschen Staates ein ernsthaftes Interesse an der Aufarbeitung dessen gibt. Dies machen sich nicht nur in Pforzheim die Nazis bei ihrem Gedenken am 23.02. zu Nutze, wenn sie mit ihrer Hetze an die einseitige Darstellung der Stadtverwaltung anknüpfen.
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit geschichtlichen Kontexten ist ebenso wichtig wie antifaschistischer Widerstand. In Pforzheim und überall wo Staat und Nazis versuchen historische Zusammenhänge zu verschleiern oder zu ihren Vorteilen zu verdrehen.

DER VERDREHUNG DER GESCHICHTE EIN ENDE SETZEN.

Am 23. Februar auf nach Pforzheim. Entschlossen und konsequent den Nazis ihr Gedenken vermiesen.

Weitere, ausführlichere Auseinandersetzungen mit der Thematik Bombardierung Pforzheims und der Städtepartnerschaft:

Aufrufe einger antifaschistischer Gruppen:
- 2013: Kein Naziaufmarsch am 23. Februar in Pforzheim!
- 2014: Der Verdrehung der Geschichte ein Ende setzen. In Pforzheim und anderswo!

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Städtepartnerschaft Gernika-Pforzheim: Über die „Gleichheit“ von Tätern und Opfern. Eine Städtepartnerschaft im Zeichen der Revision deutscher Geschichtsschreibung (pdf-Dokument)